Archive for March, 2010
Arsenal Away: Der Matchbericht
Vorletztes Wochenende waren Johannes und ich in London bei Arsenal v West Ham im Emirates. Hier mein Matchbericht

Am Stehplatz im EmiratesÂ
Gut zwanzig Jahre ist es her, seit der Taylor-Report die SchlieĂung der StehplatztribĂŒnen in den englischen Stadien empfahl und den Startschuss fĂŒr die Umgestaltung der alten Grounds in moderne sichere Stadien gab. Ein Neubau wie das vor drei Jahren eröffnete âEmiratesâ des Arsenal FC bietet feine Architektur und Platz fĂŒr mehr als 60.000 Zuschauer auf weichen Klappsitzen, die es in puncto Bequemlichkeit mit den KinostĂŒhlen im Megaplex aufnehmen könnten.
Und bekanntlich gilt in England: âDuring the game please remain seated at all times.â
Aber an diesem Nachmittag im MĂ€rz ist das anders: mit einem Ticket fĂŒr die âaway sectionâ ausgestattet, sind wir Teil des 3000 Leute starken Ostlondoner West Ham-Blocks, der zwei Sektoren im Unterrang des Emirates hinter dem Tor und in der Kurve einnimmt. Dort bleiben wĂ€hrend des gesamten Spiels die roten Sitze hochgeklappt und auch sonst unterscheidet sich die Stimmung hier vom Rest des eleganten Stadions.
Im Bauch des Stadions
Bis kurz vor Spielbeginn ist die TribĂŒne fast leer, weil das Mitnehmen der Bierbecher nicht erlaubt ist. FlĂŒssiges gibt es nur im dĂŒsteren und schmucklosen Betonbauch des âaway endsâ. Und wĂ€hrend es drauĂen vor Anpfiff noch still ist wie in einer Bibliothek, ist in dieser Gruft schon der mĂ€chtige Widerhall von âWe all follow the West Hamâ und âBubblesâ zu hören.
Unterdessen hat Arsenal-Manager ArsĂšne Wenger in einem Statement ĂŒber die beiden Video-Walls die Aufstellung seines Teams bekannt gegeben und mit einem gut geschnittenen Videoclip voller Arsenal-Tore werden die Zuschauer im roten Rund mit dem eleganten wellenförmigen Abschluss des Oberranges auf das eingestimmt, was da kommen soll. Und es kommt leider allzu bald: das 1:0 fĂŒr Arsenal nĂ€mlich. Die nach Frank Sinatra klingende Arsenal-Hymne, die die West Ham-Supporter mit einem trotzigen âIâm forever blowing bubblesâ kommentiert haben, ist noch nicht lange verklungen, schon hat Arsenals Denilson nach Doppelpass mit Bendtner auf 1:0 gestellt (5.).

Trotzige âBubblesâ, stille âLibraryâ
Die West Ham-AnhĂ€nger antworten auf den RĂŒckstand mit einem noch trotziger klingenden âBubblesâ und unterstĂŒtzen das AuswĂ€rtsteam unverdrossen weiter. Dabei kommen die Cockneys ohne VorsĂ€nger aus und stellen die Arsenal-Fans, die nur unmittelbar nach dem Tor so richtig laut werden, stimmlich die meiste Zeit in den Schatten. Mit einem spöttischen âShall we sing a song for you?â werden diese provoziert und als dann der Arsenal-Support kontert, heiĂt es aus dem West Ham-Sektor in Anspielung auf das alte Arsenal Stadion Highbury: âHush⊠itâs still the Libraryâ.
Bedroht Arsenal â erstmals nach dessen Verletzungspause wieder mit Cesc Fabregas â das GehĂ€use von West Ham-Keeper Robert Green mit FreistöĂen oder Cornern, so versucht man der Hammers-Abwehrreihe mit âBubblesâ den RĂŒcken zu stĂ€rken. Als Robert Green einen gefĂ€hrlichen Schuss hĂ€lt, wird er sogleich als âEnglandâs number oneâ besungen und auch die Gegner bekommen ein Liedchen: die gelbe Karte fĂŒr Sol Campbell wird mit âHeâs going home in a minuteâ kommentiert.

Fortuneâs always hiding âŠ
Und tatsĂ€chlich gibtâs zum Ende der ersten Halbzeit eine rote Karte: Arsenal-Verteidiger Vermaelen, der als letzter Mann West Ham-Angreifer Franco im Strafraum zu Fall bringt, wird von Schiri Atkinson ausgeschlossen. Aber fĂŒr West Ham, diese Saison permanent im Kampf gegen den Abstieg, heiĂt es wieder einmal âFortuneâs always hidingâ: Alessandro Diamantis StrafstoĂ wird von Arsenal-Keeper Almunia gehalten, was die Stimmung auf den RĂ€ngen hochkochen lĂ€sst. Doch nachdem die Bobbies einen allzu rabiaten Cockney abgefĂŒhrt haben und der Pausenpfiff ertönt ist, beruhigt sich die Situation schnell wieder.
In der Pause werden die besten Szenen aus HÀlfte 1 auf den Video-Walls wiederholt, wo sonst wÀhrend des ganzen Spiels praktischerweise die Aufstellungen beider Mannschaften eingeblendet sind.

Zweite Halbzeit
Die besten Szenen fĂŒr West Ham sieht man aber nun nach der Pause, als die Hammers gegen 10-Mann-Arsenal auf den Ausgleich drĂ€ngen. âGo West Ham, play your wayâ wird das in Blau spielende AuswĂ€rtsteam aus dem âaway endâ angefeuert. Als Franco, dessen letzte Aktion leider nur ein Abseitstor ist, aus- und West Hams bester StĂŒrmer Carlton Cole endlich eingewechselt wird, begrĂŒĂt man ihn mit einem aufmunternden âYouâve got the power to go, believe itâ und das âCome on you Ironsâ hallt noch einmal kraftvoll durchs Stadion.
Da den Hammers aber nichts ZĂ€hlbares gelingen will â ein Schuss von Cole geht immerhin an die AuĂenstange -, Arsenal die Partie wieder besser in den Griff bekommt und bei schnellen GegenstöĂen stets Gefahr im West Ham-Strafraum verbreitet, werden die Heimfans immer lauter. Der bis zum Beginn der letzten Viertelstunde stimmgewaltige West Ham-Anhang beginnt dagegen, den bis dahin aufrechten Dauer-Support einzustellen und nach einer Fehlpassorgie der Hammers macht sich schön langsam Depression im âaway endâ breit. Aber auch jetzt pfeift keiner (wie bei den Heimspielen in vergleichbaren Situationen) und niemand klappt den Sitz nach unten. Im Stehen sehen wir also Arsenals 2:0 aus einem Elfer, und nun hört man endlich auch von den Arsenal-Fans ein paar schöne ChorĂ€le.
Die davon unbeeindruckten West Ham-AnhĂ€nger kontern wieder einmal mit â60.000 muppetsâ und nachdem man schlieĂlich noch einige verbale, von unschönen Handbewegungen begleitete Freundlichkeiten ausgetauscht hat, pfeift der Schiedsrichter das am Ende im strömenden Regen gespielte Londoner Derby schlieĂlich ab.

âThatâs only West Ham, mateâ
Ordner und Bobbies achten darauf, dass niemand zu lange auf den RĂ€ngen bleibt und recht gesittet geht es nun zur Tube-Station Arsenal. WĂ€hrend Arsenal zumindest ĂŒber Nacht die Tabellenspitze ziert, muss sich der West Ham-Anhang wie gewohnt in Galgenhumor ĂŒben:
Dass unser Flieger nach Wien ĂŒberbucht ist und wir unfreiwillig eine weitere Nacht in London verbringen mĂŒssen, kommentiert ein Cockney wie folgt: âItâs only West Ham, mate. Any other team and youâd be half way home. Trust me.â
Arsenal â West Ham 2:0 (1:0)
Arsenal: Almunia, Eboue, Campbell, Vermaelen, Clichy, Nasri (Sagna 74), Denilson, Song, Fabregas, Arshavin (Eduardo 83), Bendtner (Diaby 57)
Subs: Fabianski, Silvestre, Rosicky, Walcott
West Ham United: Green, Spector, Tomkins, Upson, Daprela, Diamanti, Behrami, Kovac (Noble 70), Stanislas, Franco (Cole 57), Mido (McCarthy 74)
Subs: Stech, Spence, Ilunga, Ilan
Tore: 1:0 Denilson (4.) 2:0 Fabregas (81.)
Gelbe Karten: Campbell / Kovac, Diamanti, Upson, Daprela
Rote Karte: Vermaelen (43. Notbremse)
Ref: Atkinson
Att: 60,077
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