Die Wechselkröte gewinnt
June 27, 2022 at 11:01 pm Leave a comment
Ana Marwan hat am Sonntag den Bachmann-Preis 2022 mit ihrem Text „Die Wechselkröte“ gewonnen.
Die Siegerin der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt schreibt sowohl auf Deutsch als auch auf Slowenisch. Sie wurde 1980 im slowenischen Murska Sobota geboren, studierte in Ljubljana und kam mit 25 Jahren nach Österreich. „Der Liebe wegen“, sagt sie.

Marwan lebt im niederösterreichischen Wolfsthal, einer Gemeinde mit knapp 1200 Einwohnern an der slowakischen Grenze. Dort hat sie – wie Laudator Klaus Kastberger erzählte – „genau an dem Tag, als die gesamte Teilnehmerliste hier bekanntgegeben wurde, vor der Haustür eine Wechselkröte gefunden“.
Sie hat immer schon gerne geschrieben, schon als Kind, erzählte sie im ORF Kulturmontag. Deutsch wird zwar „nie meine Sprache sein“, sagt sie, aber sie ist „sehr gut mit dieser Sprache befreundet“.

Auch im ersten Roman der stillen Gewinnerin des heurigen Hauptpreises des Bachmann-Wettbewerbs („Der Kreis des Weberknechts“) spielte eine zurückgezogen lebende Person eine Hauptrolle, ebenso wie in der Siegererzählung „Die Wechselkröte“, in der eine vereinsamte schwangere Frau auf dem Lande beschrieben wird.
Eigentlich widersprach ihre Teilnahme „meinem Glauben, dass Schriftsteller Eremiten sind, die irgendwo in einem dunklen Zimmer schreiben, weil sie sich nicht zeigen wollen“, meinte Marwan. In Klagenfurt als Person aufzutreten und sich porträtieren zu lassen, war für sie eine Herausforderung. „Was ich am Schreiben so mag, ist, dass man so lange daran arbeiten kann, bis man zufrieden ist. Wenn man sich in Echtzeit präsentieren muss, hat man nur einen Versuch.“
Gewonnen hat und prämiert wurde eine Literatur, resümierte der ORF, „die sich an die Fragestellungen des Alleinseins, der Position als Frau in einer auf Selbstbilder fixierten Welt sorgsam und fragil herantastete. Und die auf schmückendes Beiwerk und großes Namedropping wie in anderen Texten bei diesem Wettbewerb getrost verzichten konnte“.
„Ein klassischer Bachmanntext mit schön schwebenden Sätzen, der Tiermotive, Landschaftsbeschreibungen mit einer weiblichen Identitätssuche kombiniert“, meinte die TAZ.

Marwan war von vielen für ihren stillen Text favorisiert worden, hatte aber bekannte Namen unter ihren Konkurrenten, etwa Elias Hirschl (er gewann, so wie vor ihm zB die im gleichen Jahr wie Marwan [1980] geborene Vorarlbergerin Nadine Kegele [2014] den Publikumspreis und das Klagenfurter Stadtschreiber-Stipendium) und die bekannte Autorin Barbara Zeman (sie ging mit ihrem Venedig-Text allerdings leer aus). Auch den Texten von Juan S. Guse und Alexandru Bulucz waren im Vorfeld Chancen auf den Preis eingeräumt worden. Gewonnen hat ein „Text, der Einsamkeit und den Zwang zur stilisierten Selbstdarstellung knapp und schonungslos vorführt“ (ORF).
Die Prämierten:
- Bachmannpreis: Ana Marwan (vorgeschlagen von Klaus Kastberger)
- Publikumspreis: Elias Hirschl (vorgeschlagen von Klaus Kastberger)
- Deutschlandfunkpreis: Alexandru Bulucz (vorgeschlagen von Insa Wilke)
- KELAG-Preis: Juan S. Guse (vorgeschlagen von Mara Delius)
- 3sat-Preis: Leon Engler (vorgeschlagen von Philipp Tingler)
Lesung der Siegerin (Video ▶️ ORF)
Alle Wettbewerbstexte:
https://bachmannpreis.orf.at/tags/texte2022/

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